Niemandsland

SEHNSUCHT

Als ich entsetzt über die Verbannung aus der schützenden, dunklen Wärme des Mutterleibes das Licht der Welt erblickte, war sie schon da und lauerte auf meine Ankunft, damit sie sich ohne zu zögern auf mich stürzen konnte. Und genau das tat sie auch, sie stürzte sich auf mich und fraß sich so tief in mein Herz, daß ich niemals in der Lage sein würde, sie dort wieder herauszuholen.

Damals habe ich natürlich noch nicht begriffen, was da eigentlich mit mir geschieht, ein paar Jahre später jedoch dämmerte mir bereits die Anwesenheit eines Parasiten, obwohl mir immer noch nicht klar war, welches Ausmaß die mikrokosmische Katastrophe hatte, auf die ich geradewegs zusteuerte.

Wieder ein paar Jahre später konnte ich den Eindringling endlich enttarnen und beim Namen nennen. Die zweite Emotion, die mich nach meiner Geburt heimsuchte, unbewußt wahrgenommen, doch deshalb nicht minder stark, war die Sehnsucht, die in meinem noch immer kindlich unschuldigen Leben den Platz eines beherrschenden Urgefühls einnehmen sollte.

Während ich heranwuchs wuchsen mit mir auch die verschiedensten Kräfte und vielfältigste Energien, die sich in einem Menschen im Verlaufe seines Daseins herausbilden, für einen jeden in seiner ganz persönlichen Zusammensetzung, die dann letzten Endes das Individuum gestalten.

Nachdem sich die Verwirrung unzähliger Selbstfindungsphasen vorerst gelegt hatte, mußte ich, leer und ausgepumpt wie ich war, feststellen, daß ich immer noch derselbe geblieben war, daß sich nichts geändert hatte. Im Gegenteil, die Mächte, die mir von Gott weiß wem, vielleicht war er es ja auch selbst, in die Wiege gelegt wurden, fesselten mich stärker als jemals zuvor und trieben mich mit aller Kraft meiner Bestimmung entgegen.

So trat ich meine Suche an, an deren Ende, das weiß ich heute, eigentlich Du hättest stehen sollen, wenn mir nicht die Hinterlassenschaft des Entsetzens die Augen verdunkelt hätte, so daß ich blind vor Schmerz an Dir vorbeigelaufen bin.

Und wieder bleibt mir nur die Sehnsucht, die mein Herz in zwei Teile riß, die eine Hälfte zuckt in meiner Brust, die andere ist bei Dir.