Niemandsland

GLAUBEN

Wie so oft stehe ich vor dem Altar und frage mich, was ist Glauben, wie wird er geboren, an was glauben wir, wenn es uns niemand sagt, wenn uns niemand die Richtung vorgibt, in die wir unsere Gedanken senden sollen?

An was würde ich glauben, wenn meine Eltern mir andere Ideale in die Wiege gelegt hätten, wenn sie mich zum Beispiel nicht gelehrt hätten, an Gott zu glauben?

An Gott glauben, was heißt das eigentlich, was bedeutet das für mich, welche Rolle spielt dieser Gott in meinem Leben?

Und wer ist das überhaupt, wer ist Gott?

Ist Gott ein Mann, oder ist es eine Frau, vielleicht doch keins von beidem, oder beides in einem? Ist Gott wirklich allgegenwärtig, oder doch nur bei denen, die daran glauben?

Einbildung oder Lüge, Lebenshilfe oder Volksopium, Motor oder Krücke, glauben oder nicht?

Doch, ich glaube. Glaube ich. Wie sollte ich mir sicher sein, bei so einem schwammigen Thema? Wenn selbst die Wissenschaft nicht wirklich weiß, wie kann die Glaubenschaft dann wirklich glauben?

Inzwischen sitze ich schon wieder blasphemisch lange hier und starre das Symbol meines Glaubens an, glotze wie mit einem Dachschaden gesegnet auf das Bildnis unseres verehrten Märtyrers, dessen Biographie nach zweitausend Jahren immer noch die Bestsellerlisten anführt.

Also muß doch etwas Wahres daran sein, wenn Millionen von Menschen über Generationen hinweg offensichtlich weniger Zweifel an ihrem Glauben hatten, fast so, als würden sie nicht glauben, sondern wissen.

Und woher? Woher kommt diese unerschütterliche Gewißheit, mit der ihr Glaube im Gegensatz zu dem meinen schon geboren worden zu sein scheint?

Vielleicht sind sie besser als ich, vielleicht haben sie aber auch einfach vergessen, zu fragen.